Bienen können zählen
Honigbienen können die Anzahl von bis zu vier Objekte sicher wahrnehmen
© Tautz, Beegroup Würzburg
Auf einen schnellen Blick kann der Mensch die Anzahl von bis zu vier Objekten fehlerfrei abschätzen. Einen ähnlichen Sinn für Zahlen haben nun Würzburger Wissenschaftler bei Bienen entdeckt. Mit einem ausgeklügelten Experiment konnten sie nachweisen, dass die Honigsammler mit großer Treffsicherheit die Anzahl von bis zu vier Objekten richtig wahrnehmen können. Wie die Bienenforscher in der Fachzeitschrift "PLoS ONE" berichten, könnte die Fähigkeit auf der Suche nach lohnenswerten Nahrungsquellen hilfreich sein.
"Damit haben wir erstmals nachgewiesen, dass auch wirbellose Tiere zahlenkompetent sind", sagt Jürgen Tautz von der Beegroup im Biozentrum der Universität Würzburg. Denn bisher wusste man nur, dass auch Affen, Tauben und andere Wirbeltieren kleine Zahlen schnell erfassen können. Für ihren Nachweis ließen Tautz und Kollegen Bienen viele Male zu zwei verschiedenen, nebeneinander stehenden Tafeln fliegen. Jede Tafel hatte außerdem ein Loch, durch das die Bienen fliegen konnten. Hinter der Tafel mit zwei Objekten fanden sie stets eine Belohnung, eine Schale mit zuckersüßem Wasser. So lernten sie schnell, wo das Futter versteckt war, und flogen nur noch zur Tafel mit den zwei Objekten.
Diesen Versuch wiederholten die Bienenforscher mit jeweils drei, vier oder fünf abgebildeten Objekten. Von den verschiedenen abgebildeten Objekten - rote Äpfel, gelbe und blaue Punkte oder grüne Blätter - ließen sich die Bienen nicht irritieren. Aber den richtigen Weg zum Zuckerwasser fanden sie nur bis zu einer Anzahl von vier Objekten. Ab fünf war ihr Zahlensinn überfordert und die Insekten konnten den Unterschied zwischen den beiden Tafeln nicht mehr feststellen.
"Von dieser Fähigkeit könnten Honigbienen bei ihrer Orientierung im Gelände Gebrauch machen", sagt Tautz. So könnten Bienen effizienter Nahrung sammeln, wenn sie die Zahl der Blüten an einem Ast oder die Menge der bereits Nektar sammelnden Artgenossen korrekt abschätzen können. Das klingt plausibel, konnte bisher aber noch nicht eindeutig bewiesen werden. Um die Bedeutung des Zahlensinns zu klären, führen die Bienenforscher derzeit Verhaltensexperimente in Australien durch. Sobald es auch hierzulande wieder warm genug zum Ausschwärmen ist, können die Versuche in Deutschland fortgesetzt werden.
Autor: Jan Oliver Löfken Quelle: PLoS One
Was Bienen denken
Der Biologe James L. Gould von der
Princeton-Universität stieß auf einen Fall, mit dem niemand, nicht einmal er
selbst, gerechnet hatte. Auch er ging wie die meisten Biologen davon aus, daß
sich Bienen auf ihren Such- und Sammelflügen von unauffälligen
Geländemarken leiten lassen - also nach der bekannten Schnappschußmethode
navigieren. Dazu passen Beobachtungen, wonach sie bevorzugt Gewohnheitsrouten
einschlagen, und zwar solche, die an Waldrändern, auffälligen Bäumen oder
Hecken entlangführen. Er tüftelte einen Test aus, der Klarheit bringen sollte.
Goulds Bienen hatten rasch gelernt, daß hundertsechzig Meter vom Stock
entfernt auf einer Waldlichtung eine Futterstelle versteckt war. Seit ein paar
Tagen flogen sie regelmäßig dorthin, um sich an dem Zuckerwasser zu
verköstigen. Eines Morgens aber, nachdem sie gerade vom Stock aufgebrochen
waren, fing Gould die Sammlerinnen mit einem Netz ab, um sie zu entführen.
Damit sie nicht sehen könnten, wo es hinging, steckte er sie in einen dunklen
Kasten und verfrachtete sie an einen sorgfältig ausgewählten Testort. Erstens
gab es dort einige auffällige Bäume, so daß die Bienen den Ort aller
Wahrscheinlichkeit nach von früheren Ausflügen her kannten - als Schnappschuß
in ihrem Gedächtnisalbum. Zweitens war der Ort so gewählt, daß sie das
Waldstück mit der versteckten Futterquelle nicht sehen konnten. Was würden die
Bienen tun, wenn man sie jetzt wieder freiließe?
Das naheliegender wäre, so sagte sich Gould, daß sie
mit Hilfe ihrer Schnappschußnavigation von Landmarke zu Landmarke zurück zum
Stock fliegen würden, um von dort vielleicht erneut den Weg zum Futterplatz
einzuschlagen. Eine andere Möglichkeit wäre, daß die Bienen einfach ihre alte
Flugrichtung, die sie vor dem Abfangen innehatten, fortsetzen würden, was
natürlich einen Irrflug ergäbe. Die Honigbienen aber wählten eine -
unwahrscheinliche- dritte Möglichkeit: Sie flogen, ohne die Strecke zu kennen,
direkt zu ihrem ursprünglichen Ziel, zum Futterplatz auf der Waldwiese.
Wie anders sollte man dies erklären, als daß sie nach
einer inneren Landkarte navigieren? Offenbar können Honigbienen Geländemarken
nicht nur wiedererkennen, sondern sie in ihrer Vorstellung richtig anordnen und
zueinander in Beziehung setzen. Das bedeutet nichts Geringeres, als daß sie ein
realistisches Geländemodell in ihrem Kopf erstellen. Aber Gould geht noch einen
entscheidenden Schritt weiter. Er glaubt beobachtet zu haben, daß Bienen mit
Hilfe ihrer Karten im Kopf bestimmte Situationen durchspielen können, bevor sie
etwas unternehmen. Dies wäre, entsprechend unserer früheren Definition,
gleichbedeutend mit »denken«. Sollte die Honigbiene einfache Gedanken
entwickeln können?
Wiederum ist es ein einfaches, aber pfiffiges
Experiment, mit dem Gould seine Beobachtung einleitet. Der Bienenstock steht am
Ufer eines Sees. Sammlerinnen fliegen ein und aus, sie kennen das Gelände.
Alles geht den gewohnten Gang - auch die Nachrichtenübermittlung: Hat eine
Sammlerin eine neue Nektar- oder Pollenquelle entdeckt, gibt sie nach ihrer
Rückkehr einen Schnarrlaut von sich und tanzt den berühmten Schwänzeltanz. Die
beiwohnenden Stockgeschwister können daraus alle Informationen über die neue
Futterquelle entnehmen: deren Entfernung, Richtung, Art und Ergiebigkeit.
Entscheidend ist, daß sich sofort andere Bienen, der Zielbeschreibung folgend,
auf den Weg machen, um ebenfalls "abzusahnen".
In diesen Bienenalltag bringt Gould eine originelle
Abwechslung. Er eröffnet eine Art Restaurantschiff. Auf einem Kahn installiert
er eine künstliche Futterquelle und ankert mitten im See. Es ist nur eine Frage
der Zeit, bis die erste Sammlerin eintrifft. Sie schlägt sich den Leib voll und
fliegt zur schwänzelnden Berichterstattung zurück. Vorher aber wurde sie von
Goulds Mitarbeiterin markiert. Sie trägt jetzt als Namenszeichen ein Pünktchen
auf dem Rücken. Als "Pünktchen" zu Hause heftigst über den neuen
Schatz im See berichtet, geschieht etwas Merkwürdiges. Man schenkt ihr kein
Gehör, man verweigert ihr den Gehorsam. Niemand macht sich auf den Weg zur
neuen Futterstelle. Sollten sie der Nachricht einfach nicht glauben? Sollten
sie die mitgeteilten Koordinaten auf ihre innere Landkarte übertragen haben und
eine Futterquelle mitten im See als Unsinn abtun?
Sie würde bedeuten, daß Bienen einfachste Planspiele
durchführen: Wohin würde die Ortsangabe der Kollegin führen? Was erwartet mich
dort? Er unternimmt einen Kontrollversuch. Er verlagert den Futterkahn Stück
für Stück zum Ufer hin. Am Ergebnis ändert sich nichts: Nach wie vor werden die
Aufrufe der Sammlerinnen ignoriert. Erst in unmittelbarer Ufernähe schlägt das
Verhalten um. Plötzlich dringt "Pünktchen" mit ihrer Botschaft durch.
Man stürzt nach draußen, um die angegebene Futterquelle am Ufer aufzusuchen.
Trotz dieser Bestätigung bleibt Gould skeptisch. Ist
damit wirklich die Vorstellungskraft der Bienen erwiesen? Vielleicht ist es nur
der Geruch des Wassers, der den Sammlerinnen anhaftet und der die anderen
abschreckt. Bienen sind durchaus geruchssensibel, unterscheiden Hunderte von
Düften und sondern sie auch aktiv ab, um ihr Verhalten aufeinander abzustimmen.
Aber wie soll man entscheiden, ob Wassergeruch im Spiel ist und ob er etwas zu
melden hat? Auch hier hat Gould eine Idee: Über Nacht tauscht er den See gegen
eine Wiese aus. Tatsächlich transportiert er den Stock mit den schlafenden
Bienen an den Rand einer Wiese, die ganz ähnlich geformt ist wie der See und
wie dieser von dichten Bäumen umstanden ist. Auch den Futterkahn verpflanzt er
an die entsprechende Stelle mitten auf das Grün.
Tatsächlich sollte es dieser nächtliche Szenenwechsel
erlauben, eine Entscheidung zwischen "Duft" und
"Imagination" zu treffen. Denn Goulds Überlegung war folgende: Wenn
anderntags die ersten Sammlerinnen zum Lagebericht nach Hause kämen, würden sie
dort auf Kolleginnen treffen, die sich noch immer am Ufer des Sees wähnen - auf
jene nämlich, die noch gar nicht draußen waren und von der seltsamen Wandlung
zur Wiese nichts mitbekommen haben. Würden sie auch jetzt noch, obwohl die
Sammlerinnen bestimmt nicht mehr nach Wasser riechen, die Gefolgschaft
verweigern? Es wäre ein weiteres Indiz für das kaum Denkbare: daß Bienen vor
dem Abflug darüber nachdenken, wohin sie die Zielbeschreibung bringen würde.
Und genau dies geschieht am anderen Morgen. Nur ein
kleiner Teil aus dem Stock - vielleicht solche, die schon mal rausgeschaut
haben - ist zum Bootsbesuch auf der Wiese zu überreden. Die große Mehrheit
blockt weiterhin ab. Sie richtet sich nach ihrer Vorstellung - und die ist von
gestern.
Gould selbst sieht seine Ergebnisse durchaus
zwiespältig. Auf der einen Seite bekennt er Auf der anderen Seite scheinen ihn
gerade diese unheimlichen Fähigkeiten der Bienen zu faszinieren. Schon früher
hatte er sich darangemacht, eine sehr beunruhigende und deshalb wahrscheinlich
wenig beachtete Versuchsreihe nachzuprüfen, die der Pionier der Bienenforschung
Karl von Frisch unternommen hatte.
Gould richtete für seine Bienen eine mobile
Futterstation ein und versetzte sie jeden Tag um das gleiche Stück. Wie zu erwarten,
spürten die Sammlerinnen jedes Mal den neuen Standort auf. Aber was dann
geschah, ging über alles hinaus, was man sinnvoller weise erwarten durfte: Nach
ein paar Tagen "wußten" die Bienen, wo die Futterstation heute stehen
würde, und drehten dort bereits "ungeduldig" ihre Runden, als Gould
mit dem Futter eintraf. Irgendwie hatten die Bienen das Prinzip seines Versuchs
durchschaut und waren vorwegnehmend an die richtige Stelle geflogen. Eine
vernünftige Erklärung konnte Gould dafür nicht finden.
Aber seine Ratlosigkeit sollte nochmals gesteigert
werden, als er den Versuchsablauf drastisch erschwerte. Er versetzte die
Futterstation nicht um gleichbleibende Beträge, sondern in geometrischer
Progression: Von Mal zu Mal steigerte er die Versetzung um den Faktor 1,25 -
alles andere als eine leicht zu durchschauende Gesetzmäßigkeit. Und trotzdem
wußten die Bienen damit umzugehen. Als hätten sie die Regel im Laufe des
Versuchs begriffen, zogen sie an der richtigen Stelle ihre Warteschleifen und
rechneten mit Futter.
Quelle: Volker Arzt, Immanuel Birmelin: Haben Tiere
ein Bewusstsein? Wenn Affen lügen, wenn Katzen denken und Elefanten traurig
sind. München 1993
Bienen
können so abstrakt denken, wie es Forscher bisher nur den höher
entwickelten Wirbeltieren zugetraut hatten: Die Insekten sind im Stande, auch
komplexe Systeme von Wegmarkierungen zu verstehen und richtig anzuwenden. Sie
können die Kategorien «gleich» und «anders» unterscheiden und sich danach
richten. Das berichten Wissenschaftler der Freien Universität Berlin, der
Universität Paul Sabatier im französischen Toulouse und der Australien National
University, Canberra, in der neuesten Ausgabe des britischen Fachjournals
Nature (Bd. 410, S. 930, 2001).
Entscheidung nach Schema
Längst ist bekannt,
dass Bienen lernen können, auf eine bestimmte Farbe zuzusteuern, wenn sie dort
mit Zuckerwasser belohnt werden. In den neuen Versuchen flogen die Insekten
durch eine Y-förmige Röhre, an deren Eingang sie ein Farbsignal passierten. An
der Verzweigungsstelle war ein Gang mit derselben Farbe markiert, der zweite
andersfarbig. Rasch begriffen die Tiere, dass die Belohnung stets am Ende der
Röhre auf sie wartete, die mit der gleichen Farbe markiert war wie der Eingang.
Auch bei neuen Farbkombinationen folgten sie diesem erlernten Schema.
Gelerntes übertragen
Wurden die so trainierten Bienen mit grafischen Mustern statt der einfachen Farbkleckse konfrontiert, etwa einer Auswahl zwischen senkrechten und waagerechten Streifen, konnten die meisten Tiere die gelernte Lektion mühelos auf die neue Situation übertragen: Etwa drei Viertel der Tiere flogen bei der Gabelung in die Abzweigung, die mit dem gleichen Muster markiert war wie der Eingang. Auch der Geruchssinn führte die Bienen zum Ziel: Sie folgten dem Duft, den sie am Eingang wahrgenommen hatten. Der Lernerfolg wurde auch bei der umgekehrten Versuchsanordnung erreicht. In diesem Fall wurde den Bienen beigebracht, dass diejenige Farbe zum Zuckerwasser führt, die nicht am Eingang zu sehen war. Prompt zeigten die Tiere eine Vorliebe für den kleinen Unterschied: Sie folgten auch dem jeweils anderen Streifenmuster oder dem abweichenden Geruch. Sie hatten also «begriffen»: Es gilt, dem Signal nachzufliegen, dass von dem zuerst wahrgenommenen abweicht.